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Bananenarbeiter auf der Theaterbühne
BanaFair und Gebana (Schweiz) fördern seit 1994 mit dem Finanzierungsprogramm
FOSBA Kleinprojekte in der Bananenanbauregion Costa Ricas. Zu
den sozialen, kulturellen oder landwirtschaftlichen Initiativen,
die bisher FOSBA-Zuschüsse bekamen, gehört eine Laien-Theatergruppe
in der Provinz Sarapiquí. Die Uraufführung ihrer jüngsten Inszenierung
Bananeros fand in Anwesenheit der von BanaFair organisierten Journalisten-Reisegruppe
statt.

Die Schulbildung der Landbevölkerung ist schlecht; es fällt den
Leuten schwer, sich durch Lektüre zu informieren. Aber sie nehmen
Botschaften an, wenn sie ihnen verständlich und unterhaltsam durch
ein Theaterstück vermittelt werden. Mit diesen Sätzen bescheibt Miguel Angel Jiménez eine wesentliche
Erfahrung seiner Laien-Theatergruppe in La Victoria. Deren Theaterarbeit
richtet sich an ein Publikum, das tiefgreifende soziale Veränderungen
erlebt hat: Die Zerstörung ländlicher Gemeinschaften, die Proletarisierung
von Kleinbauern durch expandierende Bananenplantagen und neue
Erwerbstätigkeiten als dörfliche Handwerker. Früher bestimmte
kleinbäuerlicher Besitz das Lebensniveau, heute diktiert die wechselhafte
Konjunktur der Plantagenwirtschaft das Arbeitseinkommen. Theaterarbeit
für und mit den vom Bananenanbau Betroffenen zu machen, ist zu
einem wichtigen Anliegen für Jiménez Theatergruppe geworden.
Sechs Kilometer abseits der asphaltierten Landstraße liegt das
Dorf La Victoria. Wo der mit Schotter und Sand befestigte Zufahrtsweg
von einem gleichbreiten, gleichstaubigen oder in der Regenzeit
gleichschlammigen Weg gekreuzt wird, befindet sich das Dorfzentrum.
Dahinter verlieren sich unverputzte, niedrige Zementhäuschen und
einige baufällige Konstruktionen zwischen hohen Sträuchern, wenigen
Obstbäumen und Überresten der einst üppigen Vegetation im Einzugsbereich
der Karibikküste. La Victoria ist eine typische Neusiedlung, der
das Flair historisch gewachsener Ortschaften fehlt. Die Mehrheit
der dort lebenden Menschen sind keine gebürtigen Anwohner. Es
gibt für sie kaum äußere Anhaltspunkte, die zu Reflexionen über
ihre jeweilige Lebensgeschichte oder die Ausbildung einer eigenen
Identität einladen würden. Der 42jährige Schlosser und Theaterdirektor
Jiménez sieht darin Schlüsselbegriffe für die Bühnenarbeit. Vor
achtzehn Jahren kam er aus der Hauptstadt San José nach Sarapiquí.
In La Victoria fand er Gleichgesinnte, die seit Mitte der achtziger
Jahre Motive aus Volkserzählungen und der Bibel an Feiertagen
in Szene setzten. Seit 1991 hatte das Neun-Personen-Ensemble,
bestehend aus Bananenarbeitern, Kleinbauern und Lehrlingen, bei
nationalen Laienspiel-Festivals Erfolge mit Werken des volkstümlichen
Costumbrismo.
Engagierter und zugleich erfolgreicher auf Festivals wurde die
Gruppe mit der Inszenierung Genaro. Sie stellt Leben und Tod des kommunalen Aktivisten und Umweltschützers
Genaro Quiros dar. Genaro wurde vor wenigen Jahren unter nicht
geklärten Umständen in der Gegend von La Victoria ermordet. Anwohner
und Freunde Genaros sehen Verdachtsmomente, die auf mächtige Agrarunternehmer
und Politiker als Mordanstifter hinweisen. Das Theaterstück will
nachfolgende Aktivisten zur solidarischen Fortführung der Arbeit
Genaros ermutigen und klagt dessen anonyme Mörder an. Eine ähnliche
Botschaft enthält das jüngste Theaterstück Bananeros (Bananenarbeiter). Wie schon für Genaro schrieb Jiménez das
Libretto. Bananeros beruht auf den autobiographischen Erzählungen
des Gewerkschaftsveterans Juan Quiros, verbunden mit Rückblicken
auf entscheidende Episoden der fast hundertjährigen Geschichte
des Bananenanbaus in Costa Rica. Das Stück erzählt, wie der US-Unternehmer
Minor Keith als Gegenleistung für den Bau der Eisenbahn zur Karibikküste
Ende des 19. Jahrhunderts großflächigen Landbesitz für sich forderte
und auch erhielt. Keith gründete auf den Ländereien die ersten
Plantagen der United Fruit Company, die sich zum heutigen Multi
Chiquita Brands entwickelte. Willkür gegen die Beschäftigten,
Verfolgung der Gewerkschaften und Erpressung der einheimischen
Regierung durch Bananenmultis wurden zu prägendenden Merkmalen
der Bananenwirtschaft in Costa Rica. Repression und periodische
Wirtschaftskrisen zwangen viele Arbeiter zu Wanderungen zwischen
den Plantagen an der Karibik- und Pazifikküste und schließlich
in die neuen Plantagengebiete von Sarapiquí. Was davon aus dem
Leben Juan Quiros auf der Bühne dargestellt wird, steht stellvertretend
für viele andere Biographien. Das erkannte das Publikum bei der
Uraufführung im schlichten Gemeindehaus von La Victoria und spendete
anhaltenden Beifall, während der 65jährige Juan Quiros als Zuschauer
bei der Inszenierung seines Lebens die Tränen nicht unterdrücken
konnte.
Das Interesse vor allem bei Bananenarbeitern ist riesig, sagt Jiménez nach fünf Aufführungen im Gemeindehaus von La
Victoria. Der regionale Gewerkschaftssekretär Ramón Barrantes
(SITAGAH) bestätigt: Das Stück ist politisch und menschlich enorm wichtig für uns. Jiménez und Barrantes möchten mit dem Stück auf Tournee gehen,
bis in die Plantagengebiete im karibischen Südosten. Aber es fehlt
das Geld für eine Tournee, die trotz der unbezahlten Allround-Arbeit
der Akteure als Darsteller, Kostümschneider und Bühnenmonteure
$2.900 Dollar in bar kosten würde. Die ganze Ausrüstung müßte
mitgenommen werden, Spielbühne, Tonanlage und Beleuchtung. Denn
in den Plantagengebieten gibt es keine theatertauglichen Säle.
Information durch kulturelle Bildung ist eben normalerweise nicht
vorgesehen für Bananenarbeiter. Das Theaterstück Bananeros, das von menschlichem Leid und Gewerkschaftsverfolgung, aber
auch von Identität, Solidarität und Nichtaufgeben als Ideale der
Bananeros handelt, kann hierbei etwas in Bewegung setzen.
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