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Ein Projekt für Frauen in Costa Rica
"Zentrum zur Ausbildung in organischem Landbau aus geschlechtsspezifischer
Perspektive" - so heißt mit vollem Titel ein BanaFair-Projekt
in Costa Rica. Durchgeführt wird es von der Bananengewerkschaft
SITAGAH sowie der Kooperative COOPETRAÌN, die beide im Kanton
Sarapiquí beheimatet sind. Das Projekt hat einen Umfang von rund
37.000 US-Dollar. 7.000 Dollar bringen die beiden costaricanischen
Organisationen selbst auf, gut 30.000 Dollar steuert BanaFair
bei, aus dem Projektaufschlag ("Soli-Beitrag") beim Bananen-Verkauf
und aus Spendeneinnahmen.
Helge Fischer, Projekt-Koordinator von BanaFair, und Rudi Pfeifer,
BanaFair-Geschäftsführer, haben zuletzt im April 1999 das Projekt
besucht. Hier ein Bericht:
Samstag, 16. April, 1999. Um 7 Uhr in der Frühe brechen wir in
San José auf, um nach Puerto Viejo de Sarapiquí zu fahren. Die
Straße durch den Nationalpark Braulio Carillo führt durch dichten
Nebel, der sich hier im Regenwald nie ganz lichtet. Es ist feucht
und kalt. Das ändert sich allerdings schlagartig, nachdem wir
aus dem zentralen Hochland in die tropische Küstenebene hinunterfahren.
Die Klimaanlage im Jeep ist ein Segen. Bei Guapiles biegen wir
von der Hauptstraße ab, die San José mit der Hafenstadt Limón
verbindet. Es geht Richtung Sarapiquí, neben der Provinz Limón
einem der Hauptbananenanbaugebiete des Landes. Vor allem Dole
und Chiquita sind hier präsent. Bald tauchen die ersten Schilder
auf. In großen Lettern rühmt sich Dole der Zertifizierung nach
der sog. Umweltnorm ISO 14000 und preist auf dem gleichen Schild
den "Solidarismo", jene reaktionäre, unternehmerfreundliche Bewegung,
die sich dem Kampf gegen die Gewerkschaften verschrieben hat.
Beim Fotostop treffen wir zwei Nicaraguaner. Sie arbeiten seit
Jahren in Costa Rica, im Straßenbau, in der Landwirtschaft, wo
es eben geht. Sie schimpfen auf ihre Regierung, die sich's gutgehen
läßt und die internationalen Finanzhilfen in die eigenen Taschen
schleust. Sie sind Sandinisten, einer von ihnen hat früher in
Chinandega in der Bananenproduktion gearbeitet. Heute gibt auch
dort wieder Dole das Kommando.
Gegen 10 Uhr erreichen wir Puerto Viejo. Fast wären wir wieder
an der kleinen Abzweigung vorbeigefahren, die zum Ort führt. Gleich
links liegt das Gebäude der Kooperative. Es hat einen neuen Anstrich,
ein neues Dach und Steinwände dort, wo beim letzten Besuch noch
Holzlatten zusammengenagelt waren. Die Infrastruktur also ist
schonmal deutlich verbessert. Wir werden bereits erwartet. Etwa
20 Personen sind anwesend, überwiegend Frauen. Catherine Jimenez
und Ligia Lamich, die Koordinatorinnen des Projektkomitees, begrüßen
uns herzlich. Es folgen kurze Präsentationen der bisher umgesetzten
Fortbildungsmaßnahmen, Berichte von durchgeführten Seminaren oder
Besuchen bei anderen Organisationen, die dem Erfahrungsaustausch
und dem gegenseitigen Mit- und Voneinander-Lernen dienten. Helge
und ich sind beeindruckt. Die Gruppe hat sich gut vorbereitet
und präsentiert selbstbewußt ihre Arbeit. Wir sind sicher: sie
machen uns nichts vor, die Leute sind mit ganzem Herzen dabei.
Das Fortbildungsangebot richtet sich vor allem an die Frauen in
der Bananenregion, die oft alleine oder überwiegend den Lebensunterhalt
für sich und ihre Kinder sicherstellen müssen. Tagelohnarbeit,
sexuelle Diskriminierung und Drangsalierung auf den Bananenplantagen
als größten lokalen Arbeitsstätten sowie der Dominanzanspruch
der männlichen Lebenspartner beschränken jedoch drastisch die
Möglichkeiten der Selbstbestimmung der Frauen. Die Ausbildung
in organischer Agrarproduktion mit der Analyse geschlechtsspezifischer
Rollenverteilung im Haushalt und bei der Erwerbsarbeit zu kombinieren
ist deshalb Ziel dieses Projektes. So wurde z.B. schon in der
ersten Projektphase ein Kurs zu Fragen Geschlechtsbedingter Sozialisierung
durchgeführt, unter Anleitung der einheimischen Nichtregierungsorganisation
Aseprola, die sich auf Arbeits- und Sozialforschung spezialisiert
hat. Themen des mehrtägigen Seminars waren: Rollenverteilung,
Frauen- und Männerbilder, Geschlechtsunterschiede, Tagesablauf
von Frauen und Männern. Ein zweites Seminar zu geschlechtspezifischen
Fragen beschäftigte sich mit den Themen Frauen in der Arbeitsgesetzgebung,
Frauen und Organisation, Geschlechstdefinitionen und sexuelle
Nötigung. Die ProjektträgerInnen ziehen eine positive Bilanz der
bisherigen Seminare und Praktika. Erstmals wurde ihnen bewußt,
sagt Catherine, daß bei der Analyse geschlechtsbedingter Rollenprobleme
nicht allein über die Frauenrollen, sondern auch über die der
Männer gesprochen werden muß. Während des Seminars konnten etliche
Faktoren geklärt werden, die bisher eine größere Beteiligung der
Frauen in Organisationen (Gewerkschaften, Kooperativen) hemmten,
darunter vor allem die Ausgrenzung durch Männer und die Selbsteinschränkung
der Frauen.
Die Finanzierung des Projektes durch BanaFair ermöglichte auch
die Ausstattung der Räumlichkeiten der Kooperative mit einem Computer,
Faxgerät, Schreibtischen und Stühlen. Weitere Kurse zu Geschlechterfragen,
Ausbildung in Buchhaltung, Seminare und Praktika über organischen
Anbau (u.a. Heilpflanzen) sollen noch folgen, ebenso eine Studie
zur Abklärung der Wirtschaftlichkeit einer möglichen kommerziellen
organischen Produktion. An einem bereits durchgeführten Kurs in
organischer Landwirtschaft, der vom Nationalen Berufsbildungsinstitut
(INA) veranstaltet wurde, nahmen rund 90 Personen teil, wie stolz
berichtet wird.
Mir läuft der Schweiß in Strömen, obwohl ich nur auf dem Stuhl
sitze und zuhöre. Typisches Bleichgesichter-Besucher-Schicksal.
Aber nun ist Bewegung angesagt. Wir besichtigen den Versuchs-
und Lehrgarten für organischen Anbau, der sich gleich hinter dem
Gebäude anschließt. Heilkräuter, verschiedene Kartoffelsorten,
Wurzelgemüse, Bohnen, Paprika, Kochbananen und vieles mehr. Catherine
und andere Frauen wie Männer aus der Gruppe erklären uns, warum
sie diese oder jene Frucht gewählt haben, wofür sie in der Ernährung
dient, wie sie angebaut und zubereitet wird. Die Erfahrungen,
die sie hier im "Lehrgarten" machen, setzen sie unmittelbar zuhause
um. Der ganze Stolz der Kooperative aber ist die Produktion von
organischem Dünger. Er wird in einem Nebenraum des Genossenschaftsgebäudes
zusammengemischt, aus den kleingehäckselten Pflanzenabfällen des
Versuchsgartens, Hühnermist, u.a. Etliche Säcke sind schon fertig.
Für uns wird natürlich eigens der ganze Produktionsprozeß im Zeitraffer
vorgeführt: das Zerkleinern der Abfälle, das sorgfältige Mischen
und Umschichten, das Ruhenlassen, Befeuchten und erneute Umschichten
und schließlich das Abfüllen in die Säcke. Denn hiermit will die
Kooperative künftig Einnahmen erzielen, durch Verkauf von organischem
Dünger in den städtischen Regionen des Landes. Weitere Überlegungen
gehen in Richtung der Produktion organischer Bananen zur Püreeverarbeitung
oder der Herstellung von Bananenpapier und kunsthandwerklichen
Artikeln aus den Pflanzenresten. Bei letzterem sind wir skeptisch,
was die Markt- und Absatzerwartungen betrifft. Aber ihr Optimismus
ist schon ein wenig ansteckend ...
Gegen 16 Uhr brechen wir wieder auf, um noch vor Einbruch der
Dunkelheit San José zu erreichen. In Puerto Viejo wird unterdessen
Bier herangeschleppt und der Grill angesteckt. Die Frauen und
Männer von COOPETRAÌN und SITAGAH gehen zum Feiern über. Sie haben
allen Grund dazu.
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