|
|
Bittere Bananen
Im Februar 1998 haben BanaFair und die Bananen-Kampagne mit Unterstützung
des Ausschusses für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik
(ABP) eine Journalistenreise nach Costa Rica durchgeführt. Die
Reise wurde in enger Kooperation mit dem dort ansässigen Foro
Emaús organisiert. Ziel der Reise war, das Interesse der deutschen
Medien noch stärker auf die entwicklungspolitische Dimension der
Bananenproblematik zu lenken. In diesem Sinne sollte interessierten
Journalisten die Möglichkeit geboten werden, sich selbst einen
Eindruck von der Komplexität des Themas zu verschaffen. Im Verlaufe
der Reise lernten die Journalisten sowohl die Sichtweise des offiziellen
Costa Rica (Ministerien, Ausbildungseinrichtungen, Unternehmerverbände
etc.) kennen. Zum anderen erhielten sie einen tiefen Einblick
in die Alltagsrealität der Betroffenen und wurden mit Alternativen
in Produktion und Handel konfrontiert. Am Ende der Reise äußerten
sowohl die costaricanischen Gastgeber als auch die Teilnehmer
ihre große Zufriedenheit. Dafür konnten sich die Organisatoren
über das große Echo in den Medien Deutschlands und Zentralamerikas
freuen. Klaus Jetz, ein Teilnehmer dieser Reise, berichtet von
seinen Erfahrungen.
Seit mehr als 100 Jahren werden hier Bananen angebaut. Die Regierenden
in San José sagen, sie machen den Reichtum des Landes aus. In
Wirklichkeit aber ist die Provinz Limón, wo die meisten Bananen
angebaut werden, das Armenhaus Costa Ricas. Mit diesen Worten bringt Alvaro Rojas vom Foro Emaús nicht nur
seine Kritik an der costarikanischen Bananenwirtschaft auf den
Punkt. Tonfall und Lautstärke des Vorwurfes an die Regierung im
fernen San José können kaum über seine Empörung hinwegtäuschen.
Das 1992 gegründete Netzwerk Foro Emaús, dem gewerkschaftliche,
kirchliche und ökologische Gruppen angehören, gilt als der schärfste
Kritiker des rücksichtslosen, monokulturellen Bananenanbaus in
Costa Rica. 100 Jahre Bananenwirtschaft, das bedeutet auch 100
Jahre Abhängigkeit von einer Monokultur und von multinationalen
Konzernen wie die ehemalige United Fruit Company, die sich heute
United Brands Company nennt und weltweit die Marke Chiquita vertreibt.
Immer wieder erzählen die Menschen im costarikanischen Bananengürtel
an der Karibikküste Episoden aus der Geschichte ihres Arbeitskampfes
gegen Mamita Yunai, wie der KP-Abgeordnete Carlos Luis Fallas
die United Fruit Company in seinem gleichnamigen Roman aus den
40er Jahren nannte. Streiks, Massenentlassungen, Verfolgung von
Gewerkschaftern, Kumpanei zwischen Regierungsstellen und Produzenten,
die Aufgabe ganzer Plantagen und das Hin und Her der Multis zwischen
Pazifik- und Karibikküste sind solche Kapitel der hundertjährigen
Geschichte, die bis in die Gegenwart hineinreicht. So klagen Arbeiter,
die in der Bananero-Gewerkschaft SITAGAH organisiert sind, über
Entlassungen wegen gewerkschaftlicher Aktivitäten. Sie berichten
von Einschüchterungsversuchen der Unternehmer, von schwarzen Listen
und gar Morddrohungen gegen Gewerkschaftsführer und auch von sogenannten
solidaristischen, arbeitgeberfreundlichen Vereinigungen, mit
denen den Gewerkschaftern das Wasser abgegraben werden soll. Ihr
Vorsitzender Ramón Barrantes hat der International Labor Organization
(ILO) in Genf schon unzählige Klagen wegen Verstößen gegen Gewerkschaftsrechte
vorgelegt. Immer wieder sei Costa Rica von der ILO aufgefordert
worden, die Rechte der Arbeiter auf Versammlungs- und Organisationsfreiheit
zu achten. Bisher ohne Erfolg. In dieselbe Kerbe schlägt der Priester
Gerardo Vargas aus Limón an der Karibikküste: In zunehmendem Maße betrachten die Regierenden in San José die
Aktivisten des Foro Emaús als Nestbeschmutzer und Feinde des Vaterlandes. Die Bananenwirtschaft des Landes unterliege völlig der Kontrolle
der Regierenden. Viele Politiker, die Mehrheit der Minister und
auch der letzte Präsident Figueres seien im Bananengeschäft engagiert
und folglich Mitstreiter im Kampf gegen Gewerkschaften und Umweltverbände.
Von all diesen desolaten Zuständen ist beim Besuch der Chiquita-Plantage
Roble nichts zu spüren. Ganz offensichtlich handelt es sich
um eine Art Modellfinca des multinationalen Fruchtkonzerns. In
lockerem Plauderton beschreiben drei Manager die Verdienste des
Konzerns um das Wohl der Arbeiter. Weder David McLaughlin, Senior
Director von Chiquita Brands Costa Rica und zuständig für Umweltfragen,
noch Enrique Vázquez, Vizepräsident der Firma und zuständig für
Beziehungen zur Regierung des Landes, sind sich zu schade, alles
das abzustreiten, was Gewerkschafter zuvor in stundenlangen Hintergrundgesprächen
geschildert haben. Für sie sind Chiquita-Plantagen schlicht das
Paradies auf Erden. Schwarze Listen? Lächerlich. So was gibt es bei Chiquita nicht. Wir haben viel
zu viele Arbeiter, um sie alle kontrollieren zu können. Verfolgung von Gewerkschaftern? Bei Chiquita wird keiner entlassen, nur weil er in der Gewerkschaft
ist. Aber wie viele Arbeiter sind auf der Finca Roble organisiert?
Höchstens drei oder vier. Wir haben solidaristische Vereinigungen,
die Lohnfragen direkt mit der Verwaltung regeln. Szenenwechsel: In Puerto Viejo de Sarapiquí, einem der wichtigsten
Anbaugebiete im costarikanischen Bananengürtel, erzählen einige
Arbeiter vom qualvollen Tod des 18-jährigen Gredi Mauricio Valerín
Bustos.
Der Junge starb am 13. November 1997 auf der Chiquita-Plantage
Finca 96, Minuten nachdem er mit einem hochgiftigen, die Muskeln
lähmenden Pestizid in Kontakt gekommen war. Das Opfer selbst war
zwar nach Angaben der Arbeiter nicht mit Pestizidspritzungen beauftragt,
doch hatte ein Vorarbeiter Gredi Mauricio allein und ohne Schutzkleidung
in den vergifteten Abschnitt geschickt. Die Familie des Jungen
hat bisher keine Entschädigung bekommen, denn die Plantagenleitung
geht von einem Selbstmord aus. Rund 22 verschiedene Gifte und
mehr als 240 Marken-Chemikalien, von denen in den Herkunftsländern
eine größere Anzahl verboten ist, kommen im Bananengürtel legal
zum Einsatz. Ohne sie würden die Monokulturen binnen Wochen unzähligen
Schädlingen zum Opfer fallen. Die Arbeiter berichten, daß sie
während der häufig stattfindenden Fungizid-Besprühungen aus der
Luft die Felder nicht verlassen dürfen. Sobald Wind aufkommt,
kriegen auch die Wohnblöcke der Familien einen Teil der Fungizide
ab. Über die zahlreichen Wasserläufe und Flüsse, an denen Bananen-Fincas
wegen des hohen Wasserverbrauchs meist angelegt werden, gelangen
die Gifte ins Grundwasser und in die karibische See, wo sie langsam
die der Küste vorgelagerten einzigartigen Korallenriffe zerstören.
Alvaro Rojas hat trotz seiner Verzweiflung nicht resigniert: Wir müssen jetzt handeln und für einen ökologisch und sozial verträglichen
Anbau kämpfen. Andernfalls wird sich diese grüne Hölle langsam
aber sicher in einen öden Landstrich verwandeln. Ein Anfang ist gemacht: BanaFair und costarikanische Kooperationspartner
wollen dieser Entwicklung entgegenwirken. Bald werden garantiert
organische Bananen, von indianischen Kleinstproduzenten in Costa
Rica angebaut, nach Deutschland exportiert. Noch vor wenigen Jahren,
als BanaFair Soli-Bananen aus Nicaragua importierte, spielten
ökologische Kriterien für die entwicklungspolitische Organisation
kaum eine Rolle. Mittlerweile sind diese von den sozialen und
politischen Aspekten nicht mehr zu trennen.
Nachbetrachtung zur Journalistenrundreise
Im folgenden faßt Hernán Hermosilla vom costaricanischen Foro
Emaús seine Eindrücke von der Reise der deutschen JournalistInnen
in das kleine zentralamerikanische Land zusammen.
Die Gruppe deutscher JournalistInnen wurde seitens BanaFairs und
der Bananen- Kampagne im Rahmen unserer gemeinsamen Lobby-Arbeit
eingeladen. Dabei bestand unser gemeinsames Ziel darin zu versuchen,
den deutschen KonsumentInnen die verschiedenen sozialen und umweltrelevanten
Facetten der vielseitigen Bananenproblematik veranschaulichen
zu können.
Als Foro Emaus wünschten wir uns, daß die JournalistInnen frei
nach ihrer Wahl mit kommunalen Führern, GerwerkschafterInnen,
Politikern, Unternehmern, Umweltengagierten und kirchlichen MitarbeiterInnen
sprechen können sollten. Wir glauben, daß dies gelungen ist. Gleichermaßen
stellten auch für uns die Gespräche mit den TeilnehmerInnen der
Journalistenreise eine willkommene Gelegenheit dar, eine Bilanz
unserer Tätigkeiten zu ziehen.
Für das Foro war es eine durchaus bereichernde Erfahrung zu sehen,
daß JournalisteInnen aus Presse, Funk und Fensehen eigens nach
Costa Rica kamen, um persönlich Reportagen zu erarbeiten, die
über die menschliche, wirtschaftliche und technologische Dimensionen
der Bananenwirtschaft berichteten. Denn auch wenn die Bananenproduktion
in subtropischen Breiten praktiziert und mit der Arbeitskraft
von CostaricanerInnen, NicaraguanerInnen oder PanamensInnen verwirklicht
wird, befindet sich die eigentliche Macht in den meisten Fällen
in den Händen der alles beherrschenden multinationalen Unternehmen.
Und ihre Produktionsweise erfolgt ohne Rücksichtnahme auf die
Gesundheit der Menschen oder die Artenvielfalt ihrer Umgebung.
In Anbetracht der Bedeutung des deutschen Marktes sind wir sehr
daran interessiert, daß die KonsumentInnen wissen, welche Umweltschäden
und soziale Ungerechtigkeiten die Bananenproduktion verursacht.
Diese Folgen müssen vom costaricanischen Volk bezahlt werden.
Aber es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Bedingungen im Bananenanbau
zu verbessern. Dabei erhoffen wir uns von den deutschen KonsumentInnen,
daß sie uns mit Briefen oder ihrem Kaufverhalten dabei unterstützen,
daß wirklich etwas verbessert wird.
Die Bananenproduktion sollte unter vollständiger Berücksichtigung
international gültiger Konventionen erfolgen. Dabei spielen die
nationalen und internationen Kommunikationsmedien eine wichtige
Rolle. Allein die Tatsache, daß deutsche JournalistInnen nach
Costa Rica gekommen sind, um sich über die Bananenproduktion zu
informieren, hat bei der Regierung und den Unternehmern für große
Unruhe gesorgt. Denn die Wahrheit ist gefährlich. Diese positive
Funktion wird um so mehr erfüllt, wenn sie mit dem Kampf der betroffenen
Menschen und Gemeinden, ihrer Organisationen und Umsetzung von
Alternativen - wie etwa die organische Bananenproduktion - zusammenfällt.
Den JournalistInnen möchten wir für die Zeit und das Geld, das
sie für die Reise ausgegeben sowie für die Artikel und Reportagen,
die sie veröffentlicht haben, danken. Hoffentlich werden wir ihnen
hier schon bald eine Bananenproduktion zeigen können, die gerechter
und umweltverträglicher ist.
Hernán Hermosilla, Foro Emaús, Herbst 98
Übersetzung Stefan Thiele
Übersicht
|