Am Ende der Welt
Es ist so weit: Im Sommer dieses Jahres sind - mit der Unterstützung
von BanaFair- erstmals in Europa Bio-Bananen aus Talamanca eingetroffen.
Zwar handelte es sich bei den Früchten zunächst einmal um Probelieferungen.
Doch gemeinsam mit den Kunden des fairen Handels konnte damit
den Klein(st)-produzenten aus dem Indígenareservat erstmals eine
wirkliche Alternative zur Abhängigkeit von schlecht bezahlenden
Händlern angeboten werden. Boris Scharlowski hat sich in der schwer
zugänglichen Region umgesehen und beschreibt den mühsamen Alltag
der Menschen .
Talamanca liegt in der Provinz Limón und ist Grenzgebiet zu Panamá.
Die zerklüfftete und regelmäßig von Überschwemmungen heimgesuchte
Region liegt fünf lange Autostunden von der Hauptstadt San José
entfernt. Und wird sie einmal in den Medien oder von Politikern
erwähnt, beschleicht den Zuhörer der Eindruck, es handele sich
um eine Terra incognita, ein unbekanntes Fleckchen Erde.
In vieler Hinsicht hat die Abgeschiedenheit dieses Landstrichs
dabei geholfen, daß die Natur hier häufig noch unverletzt scheint
und eine einzigartige Artenvielfalt erhalten werden konnte (s.
BF-Info 10/97). Eine Vielzahl von seltenen Tieren und Pflanzen
gibt es hier, und der Besucher fühlt sich zuweilen von der Üppigkeit
dessen, was ihn dort umgibt, regelrecht erschlagen. Die Ferne
zum Epizentrum der Macht hat allerdings auch dazu beigetragen,
daß hier Menschen überleben konnten, die näher an der Hauptstadt
gelegen, kaum eine Chance gehabt hätten, Reste ihrer kulturellen
Eigenständigkeit zu bewahren.
So existieren in Costa Rica derzeit zwar 15 Indianerreservate,
die von acht verschiedenen Völkern bewohnt werden. Doch der größte
Teil davon sind eben die Indígenas aus der Region Talamanca. Zu
ihnen gehören neben den BriBri u.a. auch die Cabécar, die beide
ihre eigenen Sprachen sprechen und auch heute noch mit ihren eigenen
kulturellen Traditionen leben. Dabei dauert ihr Kampf, diese Traditionen
bewahren zu können, nun schon bald ein halbes Jahrtausend an.
Begonnen hatte er mit Kolumbus Landung im Jahre 1502. Doch erst
seit 1976 genießen die zahlenmäßig wenigen Indígenas bezüglich
ihrer Gemeinschaften - ein allerdings häufig als unzureichend
kritisiertes - Selbstbestimmungrecht.
Der Eindruck, es handele sich im Falle Talamancas um eine abgeschiedene
- also idyllische - Region, ändert sich bei genauerem Hinsehen.
Denn das Leben in der Region erweist sich manchmal als sehr beschwerlich.
Doktor Gordolarso Diaz, Gemeindearzt in Amubri, beschreibt einige der alltäglichen Probleme:
Amubri liegt in einem Bereich, der schwer zugänglich ist. Um
hier anzukommen muß man einige Hindernisse überwinden, unter anderem
den Fluß Sixaola. Das größte Problem ist, daß es keine Brücke
über den Fluß gibt, man muß ihn mit dem Boot überqueren. Mit dem
Bus gibt es nur drei Verbindungen zur Fähre pro Tag; ansonsten
gibt es 3 oder 4 Autos. Die gehören den Bananenbauern.
Die Kommunikationsverbindungen nach außen sind begrenzt. In Amubri
beispielsweise, einer Gemeinde im Inneren Talamancas, gibt es
nur ein einziges Telefon. Zeitungen sind dort nahezu nicht erhältlich;
dafür gibt die Gruppe Bezum eine Zeitschrift mit sozialen und
kulturellen Themen heraus. Daneben gibt es den Sender Labor de
Talamanca, der mit einer Reichweite von 30 km sechs Stunden am
Tag insbesondere Informationen aus der Gemeinde in den Äther bringt.
Die Mitarbeiter bei Labor de Talamanca arbeiten ehrenamtlich.
Keiner der Mitarbeiter ist als Journalist ausgebildet; vielmehr
handelt es sich um Leute aus der Gemeinde, die mit ihren Fähigkeiten
versuchen, die Entwicklung der Bevölkerung zu fördern. Dabei werden
sie von den örtlichen Gemeindeeinrichtungen sowie direkt von den
Hörern unterstützt. Daneben gibt das Costaricanische Institut
für rundfunkbezogene Weiterbildung (ICER) Hilfestellungen bei
technischen Fragen, ohne die der Sender nicht überleben könnte.
Besonders betroffen von der schwierigen geographischen Situation
und der mangelnden Infrastruktur ist das medizinische Versorgungssystem.
Nochmals Doktor Diaz:
In der Winterzeit ist es unmöglich ein Kind oder eine Person,
die krank ist, herauszuholen. Deshalb brauchen wir Dinge, die
zur Lebensrettung beitragen, und die helfen, die Zeit zu überwinden,
bis man die Mutter oder das Kind holen und zu einem besser ausgestatteten
Krankenhaus bringen kann.
Wenig erstaunlich, daß die Menschen unter diesen Bedingungen häufig
noch eher den in ihren Gemeinden lebenden zuquios, den Heilern
vertrauen, als der modernen Medizin. Auch wenn Doktor Diaz dieser
traditionellen Medizin allen Respekt erweist, weiß er, daß diese
nicht selten viele schwerwiegende gesundheitliche Probleme kaum
lösen kann. Immer wieder sterben Kinder, die an Verkühlungen,
Durchfall, Parasiten und Unterernährung erkrankt sind und keine
rechtzeitige und adäquate medizinische Versorgung erhalten haben.
Dabei werden die Leiden der Menschen häufig direkt von ihrer harten
Lebenssituation verursacht. Themen wie häusliche Gewalt, Alkoholismus
und Drogenmißbrauch führen die Liste der sozialen Probleme in
vielen Gemeinden an. Viele junge Mädchen werden schon mit 15 Jahren
schwanger. Das Wissen um eine natürliche Geburtenregelung, das
es noch vor der massiven Kolonisierung der Region im letzten Jahrhundert
gab, ist heute verloren gegangen. Im Zuge dieser Zerstörung vieler
kultureller Werte der Region ist auch das Verhältnis zwischen
Männern und Frauen nachträglich in Mitleidenschaft gezogen worden.
Vielerorts herrscht der Machismo, der die Frauen bei der Entfaltung
ihrer Persönlichkeit massiv behindert. Heute, so berichtet Gloria
Mayorga aus Kékoldi am Rande des Reservates, gibt es kaum noch
Überreste einer Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.
Um dem zu begegnen, hat sie vor nunmehr fast zehn Jahren eine
kleine Gemeinde gegründet, in der zunächst nur die Frauen das
(politische) Sagen hatten.
So beschwerlich wie das Leben der Menschen in Talamanca, ist auch
ihre Arbeit. Viele von ihnen bestreiten ihren Lebensunterhalt
durch den Anbau von Bananen. Demetrio Layen-Layen beschreibt den
mühsamen Weg, den die Frucht zu überwinden hat:
Jeder Bauer schneidet zunächst seine Bananen, die er ohne jegliche
Verwendung von Chemie angebaut hat. Dann werden sie gereinigt
und zum Wiegen gebracht. So ein Büschel kann bis zu 70 kg wiegen.
Nach dem Wiegen wird jeder Erzeuger pro Kilogramm bezahlt. Danach
werden die Bananen zum Rio Zuheca transportiert. Dort werden sie
auf Boote umgeladen, auf die andere Seite des Flusses gebracht
und dann auf LKWs verladen.
Dabei stoßen die Menschen auch hier nicht nur auf Probleme, die
direkt mit der besonderen Infrastruktur ihrer Region zu tun haben.
Schon längst haben findige Lebensmittelkonzerne aus dem Norden
das verborgene Potential dieses von vielen Umwelteinflüssen noch
weitgehend unberührten Landstrichs entdeckt. Seit einigen Jahren
werden immer neue Handelsvertreter in Talamanca vorstellig, um
sich die heiß begehrte Bioware zu sichern. Häufig mit zweifelhaftem
Erfolg. (s. BF Info 10/97) Denn so sehr sich die Bauern wünschen,
daß sie ihre Ware direkt auf den reichen Märkten des Nordens verkaufen
können, so sehr werden sie immer wieder von dem wenig sensiblen
Verhalten der potentiellen Aufkäufer vor den Kopf gestoßen. Hier
eine wertvolle Unterstützung dabei zu geben, daß die Menschen
in diesem paradiesischen Stückchen Erde würdig leben können, ist
der Wunsch BanaFairs.