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”Wer sich mit diesem Wasser wäscht, stinkt”

Ein Gespräch mit Bananenarbeitern

Das folgende Gespräch führten BanaFair-Mitarbeiter anläßlich einer Reise nach Costa Rica. In einer Siedlung auf einer Chiquita-Plantage im nordöstlichen Kanton Sarapiquí hatten sie die Gelegenheit, mit fast 50 Arbeitern und Gewerkschaftern über deren angespannte Situation zu sprechen. Da es keinen geeigneten Versammlungsraum gab, traf man sich im Abendlicht unter freiem Himmel. Dabei mußte das Gespräch immer dann unterbrochen werden, wenn die 40 Tonnen schweren Bananenlaster auf der nahegelegenen Schotterpiste vorbeidonnerten. Viele der anwesenden Männer waren sichtlich erschöpft von ihrer Arbeit, andere waren erst vor kurzem entlassen worden, meist wegen gewerkschaftlicher Betätigung. Sie sprachen deutlich und offen über ihre Erfahrungen, eine “Lehrstunde” von höchster Intensität für die BanaFair-Delegation. Das Gespräch wurde im Februar des vergangenen Jahres geführt. Wir danken Barbara Mock für die Abschrift und Übersetzung des Tonbandes.

BanaFair: Wir sind nach Costa Rica gereist, um von Ihnen zu erfahren, wie das Leben auf den Bananenplantagen ist. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns und unseren Lesern darüber berichten könnten, wie Sie die Situation hier erleben.

Ein älterer Arbeiter: Ich arbeite auf dieser Plantage, und ich möchte sagen, daß es mich sehr freut, daß Sie von Europa hierher gekommen sind, um uns hier zu besuchen, daß sie hier alles selbst mit eigenen Augen sehen können. Es ist gut, daß sie nicht nur von den Firmen diese Informationen einholen, sondern von uns Arbeitern, die wir über unsere eigenen Erlebnisse berichten können.

Wir sind hier massiven Verfolgungen ausgesetzt. Nehmen Sie mich selbst. Ich bin vor zehn Tagen arbeitslos geworden, nur weil ich Kontakt mit den Gewerkschaftskollegen hatte. Ich wohne hier in diesem Haus, ich arbeite schon seit über vier Jahren für die Firma. Wenn es ein gesetzlich garantiertes Recht ist, sich gewerkschaftlich zu organisieren, frage ich, warum die Firmen dies nicht respektieren.

Aber wir beklagen uns auch über die schlechten Dienstleistungen, die die Firma uns gegenüber erbringt. Ich möchte Ihnen beispielsweise mal das Wasser zeigen, das die Firma uns anbietet! Das Wasser ist nicht mal dazu geeignet, sich darin zu baden, denn anstatt daß man nach dem Bad besser riecht, stinkt man! Oder wenn Sie z.B. einen Topf mit Wasser füllen und einen Tag stehen lassen, sehen Sie am folgenden Tag einen fingerhohen Satz am Boden des Gefäßes. Das ist nichts für Menschen! Das müssen Sie wissen! Wenn Sie uns helfen können, dann tun Sie das bitte! Wir möchten doch nur, daß man uns als menschliche Wesen behandelt und nicht wie Tiere.

BanaFair: Wir haben immer wieder gehört, daß in Costa Rica die Arbeiter- und Gewerkschaftsrechte verletzt werden. Wie ist es denn hier beispielsweise um die Gewerkschaftsfreiheit bestellt?

Ein Arbeiter mittleren Alters: Dazu kann ich sagen, daß die Gewerkschaftsfreiheit hier in Costa Rica nicht existiert. Ich fange bei mir selbst an. Ich arbeitete 13 Jahre bei der United Fruit Company. Ich wurde entlassen, weil ich die letzten 12 Jahre Gewerkschaftsführer war. Momentan kann ich nirgends Arbeit finden, denn ich stehe bei ihnen auf der Liste.

Das betrifft aber keineswegs nur mich. Auf dieser Plantage ist gerade ein Kollege von mir nach drei Monaten schon wieder entlassen worden. Dies geschah nur deshalb, weil von ihm gesagt wurde, daß er Gewerkschaftsführer gewesen sei. Man darf hier einfach nichts gegen die Multis sagen, denn die Bananenarbeiter leiden darunter. Auch wenn wir nicht nur bananeros sind, sondern auch Bauern, sind wir auf die Arbeit, die man uns gibt, angewiesen.

In unserem Lande ist es einfach so, daß der kleine Bauer, der Landarbeiter, der Bananenarbeiter den Großen ausgeliefert ist. Costa Rica ist ein Land des Bananenanbaus, doch das Land gehört nur wenigen Eigentümern. Das wenige Land, das den Bauern gehört hat, haben sich häufig die Multis unter den Nagel gerissen. Deshalb sind viele Bauern Landarbeiter geworden.

Allein durch die schwierige finanzielle Situation, die nicht nur bei uns, sondern auch im ganzen Land herrscht, sind wir gezwungen, dieses Spiel mitzumachen. Das größte Problem ist, daß die Multis sich immer gegen die Arbeiter stellen, wenn die ihre Rechte verteidigen.

Ein Gewerkschaftsfunktionär: Ja, es wird einfach sehr viel über uns erzählt. Auch daß wir bananeros über alle Freiheiten verfügen. Doch diese Freiheiten haben wir nicht. Wir wollten z.B. hier auf der Plantage von Chiquita einen Betriebsrat bilden und über eine feste Zeit verfügen, um uns zu treffen. Wir haben also dem Verwalter vorgeschlagen, daß wir uns zwischen 5 und 6 Uhr treffen wollten. Das Ergebnis davon war, daß er die ganze Mannschaft ohne Arbeit stehen ließ. Ein anderes Mal forderten wir, daß einer von uns in der Verwaltung mitarbeiten sollte. Doch sie sagten, daß wir Gewerkschafter seien, und es deshalb keine Möglichkeit dafür gäbe. Sie wollten ihm dann irgendeine Drecksarbeit geben. Nun ist der Betreffende arbeitslos. Das sind ihre Waffen, einen ohne Rechte zu halten, nur weil man Gewerkschafter ist. Auf diese Weise verläuft unser Kampf tag-täglich.

Ein weiterer Arbeiter mittleren Alters: Es stimmt schon, die Arbeiter, Landarbeiter oder Bananenarbeiter hier in Costa Rica haben ein schweres Los zu tragen. Sobald einer sich vornimmt, einer Organisation beizutreten, wie z.B. einer Gewerkschaft, wird er gefeuert. Das ist eine große Ungerechtigkeit, denn der bananero will ja nur für seine Rechte kämpfen. Das ist seine Pflicht. Wenn er es nicht tut, wird ein anderer die Folgen erleiden. Ich wünsche mir, daß wir da in Costa Rica einen Schritt vorwärts kommen werden. Wenn nicht werden viele gute bananeros, die vielleicht schon 40 Jahre oder älter sind, bestimmt keine Arbeit mehr auf irgend- einer Finca bekommen. Auch wenn sie vielleicht zuverlässiger als manche jungen sind und dazu die Arbeit noch viel nötiger brauchen, weil sie große Familien unterhalten müssen.

Ein jüngerer Arbeiter: Ich glaube auch, daß die Plantagenbesitzer den Arbeitern keine Freiheit geben, so wie sie es behaupten. Ich habe fünf Jahre auf der Finca Canfín gearbeitet. Nur weil ich mit den Gewerkschaftsführern gesprochen habe und mich für die Schaffung eines Betriebsrates eingesetzt habe, bin ich vor ca. sechs Monaten entlassen worden. Seither habe ich keine andere Arbeit gefunden. Auch ich bin auf einer Schwarzen Liste gelandet. Das heißt meine Daten sind von Chiquita auch an die anderen Firmen weitergegeben worden. Aber wie soll einer überleben, wenn man ihm keine Arbeit gibt? So darf das auf den Plantagen nicht weitergehen.

Ein weiterer jüngerer Arbeiter: Das mit der gewerkschaftlichen Freiheit ist einfach eine Lüge. Hier auf der Finca habe ich die Verwaltung der Gewerkschaftsangelegenheit betrieben. Dafür wurde mir mit Rauswurf gedroht. Man sagte mir, daß sie mich ins Gefängnis werfen lassen würden. Jetzt stehe ich auch auf der Schwarzen Liste und habe keine Chance mehr. Das ist hier auf der Finca genauso wie überall in Costa Rica. Sie sagen, daß die Angestellten unterstützt werden, davon habe ich nichts gemerkt.

BanaFair: Immer wieder hört man von Vergiftungen der Arbeiter und Arbeiterinnen durch Pestizide. Gibt es denn keinen ausreichenden Schutz?

Ein Arbeiter mittleren Alters: Ein Beispiel: Ich erinnere mich an einen Tag, als ich noch in Manteco arbeitete. Man gab mir da ein Arbeitsgerät mit drei Sprühdüsen. Doch verklebten diese in der Hitze, und ich mußte sie von dem wirklich tödlichen Zeug reinigen. Was die Schutzkleidung betrifft, kann ich nur sagen, daß man sie höchstens eine Stunde tragen kann. Hier ist es sehr heiß, und diese Art von Schutz macht die Hitze unerträglich. Dabei riecht man, selbst wenn man die Maske trägt, den Geruch ständig.

Ich weiß nicht, warum man momentan das Thema der Unfruchtbarkeit nicht mehr anspricht. In der Tat haben unsere Körper bereits die Chemikalien aufgenommen. Man gab uns ja erst sehr viel später Handschuhe und Schutzmasken. Von damals sind viele von uns sehr geschädigt, und mittlerweile sind sogar unsere Kinder schon total verseucht. Wir sehen, daß es für den Schutz der Jugend schon zu spät ist.

Damit sich diese Arbeitsbedingungen ändern, ist es vor allem nötig, daß der Leiter einer Plantage seine Arbeiter respektiert. Damit man sich besser vor den Chemikalien schützen kann, würde es uns schon viel helfen, wenn er zum Beispiel die Zeit festlegen würde, in der die Pestizide ausgebracht werden.

Der Gewerkschaftsfunktionär: Nun, alle diese Probleme, die die Kollegen hier vorgebracht haben werden von uns als Mitglieder der Gewerkschaft und als deren Führer zur Kenntnis genommen. Wir dokumentieren sie alle, seien es Arbeits- oder Rechtsfragen, und wir gehen den Konflikten, die die Arbeiter haben nach.

Für mich ist es eine große Freude den Kollegen mitteilen zu können, daß durch die Arbeit, die Sie in Europa machen, die Multis doch veranlaßt werden, stärker aufzupassen und gewisse Vergünstigungen für die Arbeiter zu schaffen.

Wir sind sicher, daß es besser werden wird, vor allem wenn die Multis es am Geldbeutel spüren. Wir haben tatsächlich schon Resultate die befriedigend sind, doch erwarten wir noch eine größere Öffnung dahingehend, daß die Arbeiter das Recht haben sich zu organisieren und ihre Rechte durchzusetzen.

Boris Scharlowski, Herbst 98

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Erstellt: 1. 10. 1999 | Letzte Änderung: 3. 6. 2000 | © BANAFAIR | Kontakt: Webmaster