Informationen über BANAFAIR
Die Bananenkampagne für Bananen aus fairem Handel
Faire Bananen und Bezugsquellen
Aktuelles aus der Arbeit von BanaFair und der Bananenkampagne
Informationen über die Projekte
Hintergrundinformationen über den Welthandel mit Bananen und anderem
Publikationen BanaFairs - auch zum download
English / Spanish
Partner BanaFairs

Mit dem 'Bananendampfer' durch Süddeutschland

Montag, 8. Januar, 6 Uhr 30. Ich stehe am Frankfurter Südbahnhof und warte seit einer Stunde auf Thomas, meinen Kollegen vom Vertrieb. Heute fährt er die Auslieferung der Bananen. Ich werde ihn begleiten.

Thomas ist heute morgen in Gelnhausen gestartet. Doch am Rande des Spessart pfeift der Wind. Und die Kälte hat dem Motor zu schaffen gemacht. Deshalb hat sich die Abfahrt um eine Stunde verzögert. Jetzt sind wir in Eile. Um 7 Uhr sollen wir am Großmarkt in Mannheim sein. Dort erwarten uns die frisch gereiften BanaFair-Bananen.

Es wird ein langer Tag. Thomas beschleunigt. Doch findet er Zeit, davon zu erzählen, wie die lange Reise der gelben Frucht von den tropisch-heißen Plantagen Costa Ricas über die Weiten des Atlantik und den nüchternen Hafen Zeebrugges bis zu uns aussieht: "Wenn die Bananen im Großmarkt verkauft werden, sind sie schon einige Zeit unterwegs. Von der Staude bis in den Hafen brauchen sie zwei Tage. Dann liegen sie 14 bis 16 Tage gekühlt im Bauch eines Bananendampfers. Im belgischen Hafen dauert es wieder zwei Tage bis alle Früchte aus dem Rumpf des Schiffes gefördert sind. Ein Spediteur bringt sie in eine Reiferei: wieder zwei Tage. Und dort lagern sie 8 bis 10 Tage, bis sie endlich die richtige Reifestufe haben. Alles in allem sind sie rund einen Monat unterwegs."

Noch wenige Kilometer bis Mannheim. In der Gegenrichtung staut sich der Berufsverkehr. Dann kommen wir - leicht verspätet - an. Seit 3 Uhr herrscht hier bereits geschäftiges Treiben. Gemüsehändler aus der gesamten Region versammeln sich und kaufen ihre Ware ein. Wir steuern den Stand unseres Reifers an. Dort türmen sich bereits die Früchte von der Finca Baltimore. Auch andere der 25 Bananen-Fahrer haben sich zum Beladen eingefunden. Kurze Begrüßung. Für ein Gespräch bleibt wenig Zeit. Thomas und ich greifen uns 60 Kartons à 18 kg, dann ist unser Wagen voll, und schon geht es weiter.

7 Uhr 45. Erstes Ziel ist Weinheim. Wir laden eine Kiste bei einem Privatkunden ab. 8 Uhr 15. Katholische Gemeinde Bensheim. Wieder eine Kiste. Zurück auf die Autobahn. Wir müssen uns beeilen, denn um 9 Uhr haben wir eine Verabredung im Treffpunkt Dritte Welt in Darmstadt. Langsam wird es hell.

Thomas, der neben seinem Vertriebsgeschäft in der BanaFair-Zentrale immer wieder für kranke Fahrer einspringen muß, erinnert sich: "Im Sommer legen wir aufgrund der geringeren Nachfrage bei unseren KundInnen manche Touren zusammen. Dann muß man schon um 3 Uhr früh starten. Bei einer solchen Tour kam ich bereits um 5 Uhr in Darmstadt an. Da war noch kein Mensch zu erreichen und das drei Meter hohe Tor verschlossen. Auf der Straße konnte ich die Früchte nicht lassen, und warten konnte ich auch nicht. Ich fuhr den Wagen an das Tor und stieg aufs Dach. Auf der anderen Seite stand eine Mülltonne, und so konnte ich meine fünf Kisten über das Gatter wuchten."

Der Darmstädter Laden ist licht und geräumig. Trotz der noch frühen Stunde kommt uns Norbert Schneeweis, der seit vielen Jahren hier die Arbeit koordiniert, aufgeräumt entgegen. In einem Gespräch schildert er, der vor zehn Jahren die Bananenaktion mit aus der Taufe gehoben hat, seine Erfahrungen mit dem alternativen Bananenhandel. Für ihn ist die Frucht nach wie vor "ein Spiegel von den realen Verhältnissen auf dem Weltmarkt." Allerdings, so seine Meinung, "existiert eine ganz klare Linie mittlerweile nicht mehr. Die ganz einfache Identifikation mit Bananen wird dadurch erschwert."

Für 10 Uhr 30 sind wir im Dritte Welt Laden Mainz in der Hinteren Bleiche angemeldet. Seit Jahren beteiligt sich die Gruppe am Verkauf der fair gehandelten Bananen. Dadurch angeregt hat sich die Gruppe intensiv inhaltlich mit dem Thema auseinandergesetzt. Ihre aktive Bildungsarbeit rund um die Banane gipfelte unlängst in der Gestaltung eines erfolgreichen Bananenaktionstages.

Wir werden von Claudia Zils-Dicke und Marion Diel empfangen. Claudia arbeitet seit eineinhalb Jahren im Laden, Marion Diel ist schon seit 1988 / 89 dabei. Wir fragen die beiden, ob sie die Banane nicht als ein sperriges und schwer vermittelbares Thema empfänden, das gerade durch das Inkrafttreten der europäischen Bananenmarktordnung noch komplizierter geworden sei.

Doch laut Claudia "ist die Marktordnung vielmehr ein guter Anknüpfungspunkt. Wenn man mal den Aufhänger hat, ist es nicht sehr schwierig, im Gespräch auf eine sozialverträgliche Bananen zu kommen." Einschränkend fügt Marion hinzu, daß schon ein längeres Gespräch notwendig sei, um den KundInnen die Komplexizität des Themas zu vermitteln. Gleichzeitig unterstreicht sie die neue Dimension der Bananenaktion "Es geht nicht mehr nur um die Unterstützung von ProduzentInnen, sondern darum, mit Hilfe der Lobbyarbeit grundsätzlich etwas in Brüssel oder an den Weltwirtschaftstrukturen zu verändern."

Doch interessiert uns auch, wie die beiden Ladenvertreterinnen die Arbeit BanaFairs eischätzen. Marion: "Manchmal dauert es zu lange, bis wir wissen, woher die Bananen diesmal kommen. Das hat bei mir so ein bißchen einen Vertrauensschwund hervorgerufen. Ich hab dann einmal länger mit Rudi Pfeifer telefoniert, und dann war das Vertrauen wieder hergestellt. Aber nach dem Konkurs von Liberación ist die Szene sehr empfindlich. Die Infos müssen einfach schneller kommen." Doch gleich reicht sie ein Lob nach: "Was ich gut fand, war, daß Hella Lipper nach dem Konkurs der Liberación so schnell den Vertrieb im Norden weiterführen konnte. Das war ein Signal, daß wir in der Lage sind, so etwas auch kurzfristig auf die Beine zu stellen."

Wir besteigen wieder unseren roten Laster, der von den Fahrern liebevoll-bildlich Bananendampfer genannt wird. Weiter führt uns der Weg über das Wilhelm-Kempff-Haus im Rheingau, einer katholischen Bildungseinrichtung, nach Frankfurt. Dort steuern wir die Maria-Hilf-Gemeinde an, die einen Obsthändler vom Verkauf fair gehandelter Bananen überzeugen konnte. An der Uni halten wir am sog. Turm, der u.a. die Sozial- und Politikwissenschaftler beherbergt. Weiter geht's zu Velomobil, dessen MiarbeiterInnen ihr Geld als Fahrradkuriere verdienen und für die die Bananen eine willkommene Stärkung im anstregenden Alltag darstellen.

Mittlerweile ist es 15 Uhr. Für eine Mittagspause wird es nicht reichen. Thomas und ich wechseln uns beim Fahren ab, ein Luxus, den sich andere Fahrer nicht erlauben können. Um 15 Uhr 30 sind wir bei Holunder in Offenbach, einem Ökoladen; bei Para Nicaragua, ebenfalls in Offenbach, liefern wir kaum später drei Kartons ab. Die Nicaragua-Initiative vertreibt ihre Bananen in Schulen der Region.

Wir quälen uns durch den Berufsverkehr der Rhein-Main-Region. Unser nächstes Ziel ist Babenhausen. Eine Dreiviertelstunde später kommen wir im dortigen Weltlädchen an. In ihrem kleinen aber gemütlichen Laden erwarten uns Hannelore Marschall und Marga Jonas. Der Weltladen entstand durch die Aktion Brot für die Welt, die innerhalb der evangelischen Kirchengemeinde Babenhausen bestand. Heute sind dort rund 30 Leute aktiv.

Marga Jonas berichtet uns über den Erfolg ihres Bananenverkaufs: "Diejenigen, die sich die Bananen immer kaufen, sind davon begeistert." Und: "Ich konnte sogar meinen eigenen Mann davon überzeugen, daß die einfach besser schmecken als die anderen." Hannelore Marschall unterstreicht die Erfolge der Überzeugungsarbeit, die in den Jahren geleistet wurde: "Die Leute, die die Banen bei uns kaufen - und das ist im Grunde unser eigentliches Geschäft - kaufen diese ganz bewußt. Sie interessieren sich für die Herkunft der Bananen und wollen wissen, ob und wie sie behandelt sind."

Für die Zukunft stellen die beiden Frauen die Ausweitung ihrer Handelsaktivitäten in Aussicht: "Mit der Anlieferung klappt das eigentlich gut. Nur manchmal kommen sie zu grün bei uns an. Das ganze Programm an sich ist positiv zu beurteilen. Für die Zukunft wünsche ich mir, daß wir zumindest auf zwei Kisten kommen."

Mittlerweile ist es nach 18 Uhr. Wir sind hungrig und das Sitzen beginnt ungemütlich zu werden. Doch wartet auf uns noch ein längeres Gespräch im bayerischen Schöllkrippen. Unsere Verspätung ist bereits vorauszusehen. Gegen 19 Uhr 15 erreichen wir das Haus der Familie Skok. Gudrun Skok betreut seit fünf Jahren den Verkauf der Bananen. Lange Zeit vertrieb sie die Früchte per Wohnmobil und konnte in diesem kleinen Dorf im Spessart pro Woche 10 Kisten absetzen. Wir sind interessiert, wie sie das bewerkstelligen konnte. Bei Äbbelwoi und Spezereien aus dem Dritte Welt-Laden berichtet sie, wie sie die fair gehandelte Banane in diese abgelegene Region gebracht hatte und wie sogar ihr Mann in der Gemeindeverwaltung seine Kollegen von den Vorzügen dieser etwas anderen Frucht überzeugen konnte. Einmal wieder sind wir von dem Einsatz, den die Leute für die Überwindung ungerechter Welthandelsstrukturen erbringen, beeindruckt. Mit Eindrücken und Anregungen ausgestattet, verabschieden wir uns.

Es ist tiefe Nacht als wir gegen 21 Uhr in Gelnhausen unsere Tour beenden. Müde drücken wir uns die Hand. Am nächsten Tag sitzen wir wieder an unseren Schreibtischen.

Boris Scharlowski, Sommer 1997

Übersicht


Erstellt: 1. 10. 1999 | Letzte Änderung: 3. 6. 2000 | © BANAFAIR | Kontakt: Webmaster