Es gibt noch viel zu verändern, und es ist sehr eilig
Interview mit Luisa Castillo zum Pestizideinsatz in der Bananenwirtschaft
Luisa Eugenia Castillo ist Leiterin des Pestizidprogramms an der Universidad Nacional
de Costa Rica in Heredia nahe der Haupstadt San José. Das Programm
besteht seit über 10 Jahren und untersucht gesundheitliche sowie
ökologische Folgen, die aus der Anwendung von Pestiziden resultieren.
Daneben wird an Alternativen zum Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln
gearbeitet. Anläßlich einer Reise nach Costa Rica besuchte BanaFair-Mitarbeiter
Boris Scharlowski Luisa Castillo im Februar 1997. Neben den unmittelbaren
und mittelbaren Folgen des Einsatzes von Pestiziden befragte er
die Biologin und Ökotoxikologin zu möglichen Verbesserungen und
Alternativen. Von besonderem Interesse dabei: Hat das ECO-OK-Siegel,
das zur Zertifizierung von Chiquita-Bananen herangezogen wird,
zu einer Verringerung von Agrochemikalien geführt?
Boris Scharlowski: Frau Castillo, wie hoch ist im Vergleich mit anderen landwirtschaftlichen
Sektoren im Bananenanbau der Gebrauch von Pestiziden und weiteren
Chemikalien?
Luisa Castillo: Der Bananenanbau ist einer der Bereiche in Costa Rica, in dem
am meisten Pflanzenschutzmittel gebraucht werden. Deswegen hat
er auch die Aufmerksamkeit von so vielen Wissenschaftlern und
Umweltinteressierten geweckt. Um Ihnen ein Beispiel zu geben:
Im Kaffeeanbau, der ebenfalls eine wichtige Branche in Costa Rica
ist, verwendet man circa 7 kg an Pflanzenschutzmitteln pro Hektar,
im Bananenanbau aber um die 45 kg.

Welche sind Ihrer Meinung nach die gefährlichsten im Bananensektor
eingesetzten Pestizide?
Das ist schwer zu beantworten. Im Bananenanbau werden Wurm-, Pilz-,
Unkraut- und Insektenvernichtungsmittel eingesetzt. Ich würde
sagen, daß für Mensch und Natur kurzfristig gesehen, die Wurmvernichtungsmittel
am giftigsten sind. Aber alle Produkte sind auf die eine oder
andere Weise giftig. Zum einen wirken die Gifte auf akute Weise.
Daneben können aber sowohl für die Umwelt langfristige Folgen
als auch für die Menschen chronische Erkrankungen festgestellt
werden. Dies kann z.B. durch Pestizide, die kurzfristig nicht
so giftig sind, verursacht werden.
Welche sind die wichtigsten Auswirkungen für die Arbeiter und
die Menschen, die sich in den Plantagen aufhalten?
Die wesentlichsten Gesundheitsprobleme in den Pflanzungen sind
akute Vergiftungen, die vor allem bei der Anwendung von Wurmvernichtungsmitteln
auftauchen. Man hat es geschafft, sie durch die Schulung der Arbeiter
und die Benutzung von Schutzausrüstungen zu verringern. Andererseits
erhöhen sich aufgrund der Verwendung von Pilzververnichtungsmitteln
zur Zeit die Anzahl chronischer Vergiftungen wie z.B. Dermatitis
und Augenschädigungen. Diese Art von Verletzungen erhöht sich
zur Zeit auch bei jenen Frauen, die z.B. in den Verpackungsanlagen
arbeiten. Dort sind sie diesen sog. Fungiziden ausgesetzt. Neben
den Arbeitern gibt es allerdings auch Menschen, die in der Nähe
der Pflanzungen leben oder die Bananenplantagen auf öffentlichen
Wegen durchqueren. Sie können z.B. der Abtrifft von Pestiziden,
die aus Flugzeugen ausgebracht werden, ausgesetzt sein.
Sind im Zusammenhang mit den gesundheiltichen Folgen schon Untersuchungen
über die Folgen des Pestizideinsatzes auf schwangere Frauen und
Kinder durchgeführt worden?
Nein, es handelt sich um ziemlich teuere Untersuchungen, die ziemlich
schwierig durchzuführen sind. Vom wissenschaftlichen Standpunkt
aus, müssen die adäquaten Bedingungen und Kontrollen garantiert
werden. Es ist ein wichtiges Unterfangen. Doch Costa Rica verfügt
nicht über die notwendigen Geldmittel, um diese Untersuchungen
durchführen zu können.
Und welche Folgen sind für die Umwelt festzustellen?
Bezüglich der Umwelt ist das wichtigste Problem die Gewässerverschmutzung.
Die von uns durchgeführten Untersuchungen zeigen, daß permanent
Pflanzenschutzmittel im Wasser nachgewiesen werden können. Es
sind nicht unbedingt sehr hohe Mengen, aber es handelt sich um
Mengen, die langfristig Probleme hervorrufen können. Zu bestimmten
Zeitpunkten steigt die Verschmutzung durch Pestizide. So wurden
uns mehrere Fälle von Fischsterben in Flüssen, die an Bananenplantagen
entlangfließen, gemeldet. Dies ist auf die Anwendung von Wurmvernichtungsmittel
zurückzuführen.
Und was das Trinkwasser betrifft?
Zum Trinkwasser sind noch nicht viele Studien durchgeführt worden.
Zur Zeit suchen wir Geldmittel für diese Art von Untersuchung.
Wir meinen aber, daß in der Bananenregion das Grundwasser Verschmutzungen
ausgesetzt ist. Dies ist auf die Mengen an ausgebrachten Pestiziden,
die starken Regenfälle und die Tatsache, daß das Grundwasser verhältnismäßig
wenig tief anzutreffen ist, zurückzuführen.
Welche Veränderungen gab es in den letzten Jahren? Kann man Verbesserungen
erkennen?
Eine wichtige Veränderung war die Schulung des Personals, das
die Wurmvernichtungsmittel anwendet. Man hat ihm Schutzausrüstungen
zur Verfügung gestellt. Das hat die Anzahl der systematischen
Vergiftungen mit diesen Produkten verringert. Auch bei der Anwendung
von Pilzvernichtungsmitteln gab es Verbesserungen. So ist die
Methode, bei der diese Pestizide aus der Luft ausgebracht werden,
verbessert worden. In einigen Plantagen werden z.B. keine Menschen,
sog. "Fähnchenträger", mehr eingesetzt. Sie markierten früher
die Anwendungsgebiete. Statt dessen werden heute elektronische
Leitsysteme benutzt. Doch die Menge der gebrauchten Pilzvernichtungsmittel
hat sich nicht verringert; ganz im Gegenteil, sie mag sogar gestiegen
sein.
Woanders gibt es überhaupt keine Veränderungen, so z.B. im Falle
der Anwendung von Unkrautvernichtungsmitteln. Dort gibt es weder
Schutz noch Schulung. In der Tat, handelt es sich um eine der
höchsten Zahlen von Vergiftungen dieser Art.
Was muß in Zukunft geschehen?
Ich würde sagen, daß es in den Bananenplantagen noch viel zu verändern
gibt, und daß es sehr eilig ist. Man muß die Gefahren, denen die
Arbeiter und Anwohner ausgesetzt sind, verringern. Man muß die
Wasserquellen schützen. Man muß die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln
und von Düngemitteln reduzieren.
Und was kann Costa Rica mittel- und langfristig tun, um beispielsweise
die Folgen bei der Anwendung von Pestiziden einzuschränken?
Die erste Empfehlung wäre, die Menge an Pflanzenschutzmitteln
zu verringern. Langsam aber sicher ohne radikale Veränderungen,
damit die Produktionssysteme sich verändern können. Man muß in
Untersuchungen und Forschungen investieren, die nach Methoden
zur drastischen Verringerung der Anwendung von Pestiziden suchen.
Ich meine, das ist kurzfristig wirklich durchführbar. Daneben
müssen aber auch weitere kurzfristige Verbesserungen durchgesetzt
werden. Damit die Wasserquellen geschützt werden können, müssen
z.B. Bäume an Gewässerufern angepflanzt werden. In manchen Plantagen
wurde dies - vielleicht nicht mit der nötigen Intensität - schon
getan. Außerdem leiten viele Verpackungsanlagen ihre Abwässer
einfach in die Gewässer ein. Dies könnte umgangen werden, wenn
man in den Anlagen Aufbereitungssysteme errichten würde.
Erfüllt das ECO-OK-Siegel, mit dem Chiquita-Bananen derzeit zertifiziert
werden, bereits die von Ihnen gemachten Empfehlungen?
| Zu ECO-OK: Eine Plantage, auf der früher 45 kg/ha Pestizide ausgebracht
wurden, verwendet heute immer noch die gleiche Menge. Wenn es
Verringerungen gab, sind diese auf jeden Fall nicht wesentlich
gewesen. |
ECO-OK hat schon einige dieser Empfehlungen aufgenommen. Ich glaube,
daß die Plantagen, die mit dem ECO-OK-Siegel arbeiten, einige
Verbesserungen durchgeführt haben, aber nicht genügend. Vor allem,
was die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln betrifft, hat es wenige
Veränderungen gegeben. Eine Plantage, auf der früher 45 kg/ha
Pestizide ausgebracht wurden, verwendet heute immer noch die gleiche
Menge. Wenn es Verringerungen gab, sind diese auf jeden Fall nicht
wesentlich gewesen.
In Deutschland wird behauptet, daß die Bananen von Chiquita natürlich
seien. Was meinen Sie dazu?
Ich glaube, daß die Verwendung des Wortes "natürlich" den Verbraucher
in die Irre führen könnte. Ich glaube nicht, daß es in Costa Rica
Plantagen gibt - es sei denn, sie produzieren nach organischen
Kriterien - die diesen Ausdruck verwenden sollten. Es müssen noch
viele Veränderungen stattfinden, damit dieses gesagt werden kann.
Wäre es - im Sinne einer Utopie - vorstellbar, langfristig eine
organische Bananenproduktion auf den Plantagen zu etablieren?
Ich denke schon. Allerdings sollten bis dahin möglichst schnell
wesentliche Veränderungen erreicht werden, die eine für Land und
Arbeiter faire Produktion garantieren können.
Wir danken Ana Lietz, Eine-Welt-Laden Celle, für Abschrift und
Übersetzung
Ein Umweltparadies im Pestizidnebel
Costa Rica gilt unter Ökotouristen als Umweltparadies. Doch stellen
Nationalparks und Naturreservate nur die eine Seite der Medaille
dar. Zahlen zu Pestizidimporten und -verbrauch vermitteln einen
deutlich weniger umweltfreundlichen Eindruck. Nach Schätzungen
der Welternährungsorganisation FAO importierte das Land im Jahre
1994 Pestizide im Wert von 45 Mio US$. (FAO-Yearbook 1994, S.
281) Offizielle Schätzungen (Interview Madrigal) gehen davon aus,
daß bis zu 50% dieser Pestizide direkt in der Bananenwirtschaft
zum Einsatz gelangen. Das entspricht rund 45 Kg pro Hektar, d.h.
zehnmal mehr als im bundesdeutschen Durchschnitt. Dabei werden
viele dieser Gifte u.a. auch von deutschen Firmen produziert oder
gehandelt (z.B. Bayer, Helm...). Einige davon gehören in die Gefahrenklassen
1a (extrem) und 1b (hoch gefährlich) der Weltgesundheistorganisation
WHO. Manche (z.B. das extrem giftige u.a. von Bayer Guatemala
hergestellte Fenamifos (Handelsname: Nemacur)) sind aber nicht
einmal in den Stammländern der Konzerne zugelassen.
Entsprechend drastisch sind die Folgen für Mensch und Umwelt.
Der international bekannteste Skandal ist die Vergiftung von weltweit
20.000 Bananenarbeitern durch DBCP. Der Wirkstoff, der vor allem
in den 60er und 70er Jahren in Wurmvernichtungsmitteln verwendet
wurde, führte bei mind. 10.000 Costa Ricanern zu bleibender Unfruchtbarkeit.
Doch dies kennzeichnet nur die Spitze des Eisbergs. Tagtäglich
werden in der Bananenregion Menschen - akut oder chronisch - mit
Pestiziden vergiftet. Allein für das Jahr 1995 verzeichnete das
costaricanische Gesundheitsministerium landesweit 978 durch Pestizide
verursachte Vergiftungen. Die weitaus meisten von ihnen sind in
den bananenproduzierenden Regionen festzustellen. Doch die Dunkelziffer
dürfte noch weitaus höher liegen.
Derzeit gibt es wenige Hoffnungen, daß sich diese Situation in
der exportorientierten Bananenwirtschaft ändern wird. Zu anfällig
sind die schädlings- und krankheitsanfälligen Monokulturen, als
daß man auf den extensiven Einsatz von Pestiziden verzichten könnte.
Auch in Zukunft werden eine große Anzahl von Menschen mißgebildete
Kinder zur Welt bringen, unfruchtbar werden oder an Allergien,
Hautleiden, Krebs erkranken, weil sie mit hochgiftigen Pestiziden
in Kontakt gekommen sind.
B.S.
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