Brief eines Bananenarbeiters
Lieber Freund, liebe Freundin,
mein Name ist Juan Sin Tierra. Ich arbeite auf einer Bananenplantage
im Osten Costa Ricas und möchte Dir über die Lage im Land berichten.
Uns trennen Tausende von Kilometern. Doch haben wir verschiedene
Dinge gemeinsam. Wir bewohnen denselben Planeten Erde und haben
deshalb die gleiche Würde und Verantwortung.
Auf dieser Seite des Ozeans hatten wir lange Zeit unsere eigene
Geschichte, bis sie durch die europäische Erorberung gewaltsam
beendet worden ist und einen anderen Verlauf nahm. Deswegen haben
wir es nicht geschafft, unseren eigenen Weg beizubehalten.
Costa Rica ist ein Land dessen Natur voller Pracht und Schönheit
ist. Aber die Ankunft der multinationalen Bananenkonzerne hat
unsere Landschaft und unseren Lebensstil radikal verändert. Uns
wurden Arbeit, Geld, gute Straßen, Kaufhäuser, kurz ein besseres
Leben versprochen. Doch auch wenn ein gewisser Fortschritt kam,
haben wir viel von unserem Land und von unseren Rechten verloren.
Unser Leben wird davon bestimmt, daß wir uns um eine Frucht kümmern,
die wir selber nicht essen. Wir pflanzen, ernten und behandeln
sie mit größter Vorsicht. Doch von den 10 DM, die hier für eine
Kiste Bananen gezahlt werden, erreicht den Arbeiter und die Arbeiterin
nur einen Bruchteil. Vielleicht interessiert es Dich ja: Wir verdienen
hier ungefähr 400.- im Monat. Das reicht gerade aus, unsere Nahrungsmittel
zu bezahlen, etwas Kleidung für die Kinder zu kaufen oder mit
dem Bus zu fahren. Zum Sparen reicht es nicht. Und was ist, wenn
jemand krank wird?
Die Ergebnisse des Fortschritts, den uns die multinationalen
Firmen gebracht haben, zeigen sich, wenn man Mensch und Natur
beobachtet. Viele von uns sind krank und tragen Geschwüre in sich.
Viele Männer sind durch die Anwendung von Pestiziden steril geworden
und können keine Kinder mehr zeugen. Viele Frauen bringen tote
Kinder auf die Welt. Einige dieser Gifte kommen sogar aus Deutschland!
In ihrer Gier nach Reichtum haben die Bananenfirmen die Gewerkschaftsfreiheit
beseitigt. Trotz ihrer Gewinne verlangten sie von uns, Verzicht
zu üben. Auch hat die Bananenindustrie unsere Böden verschmutzt
sowie Luft und Wasser vergiftet.
Aber die Situation beginnt sich zu verändern. Dabei ist es wichtig,
daß die Gemeinden und die Organisationen des Volkes teilnehmen,
wenn es darum geht, unseren Weg neu zu bestimmen. Der costaricanische
Bauer ist geduldig. Doch wenn seine Kinder von Krankheiten betroffen
sind, die der landwirtschaftlichen Arbeit zuzuschreiben sind,
reagiert er mit Mut und Entschlossenheit und manchmal mit Gewalt.
Da das niemandem nutzt, möchten wir eigentlich nicht, daß es soweit
kommt.
Flüsse säubern, Wälder wiederaufforsten, Tiere schützen - alles
ist wichtig - aber noch wichtiger ist es, wieder einen eigenen
Weg gehen zu können, das Recht auf eine eigene Entwicklung zu
erlangen. Wir möchten, daß unsere Kinder ein Leben in Würde, Gesundheit
und Freiheit haben können. Daher rührt unsere große Sorge.
Aus den heißen Tropen sende ich Dir zum Abschluß dieses Briefes
eine freundschaftliche Umarmung.
Juan Sin Tierra
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