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Brief eines Bananenarbeiters


Limón, im Mai 1997

Lieber Freund, liebe Freundin,

mein Name ist Juan Sin Tierra. Ich arbeite auf einer Bananenplantage im Osten Costa Ricas und möchte Dir über die Lage im Land berichten.

Uns trennen Tausende von Kilometern. Doch haben wir verschiedene Dinge gemeinsam. Wir bewohnen denselben Planeten Erde und haben deshalb die gleiche Würde und Verantwortung.

Auf dieser Seite des Ozeans hatten wir lange Zeit unsere eigene Geschichte, bis sie durch die europäische Erorberung gewaltsam beendet worden ist und einen anderen Verlauf nahm. Deswegen haben wir es nicht geschafft, unseren eigenen Weg beizubehalten.

Costa Rica ist ein Land dessen Natur voller Pracht und Schönheit ist. Aber die Ankunft der multinationalen Bananenkonzerne hat unsere Landschaft und unseren Lebensstil radikal verändert. Uns wurden Arbeit, Geld, gute Straßen, Kaufhäuser, kurz ein besseres Leben versprochen. Doch auch wenn ein gewisser Fortschritt kam, haben wir viel von unserem Land und von unseren Rechten verloren.

Unser Leben wird davon bestimmt, daß wir uns um eine Frucht kümmern, die wir selber nicht essen. Wir pflanzen, ernten und behandeln sie mit größter Vorsicht. Doch von den 10 DM, die hier für eine Kiste Bananen gezahlt werden, erreicht den Arbeiter und die Arbeiterin nur einen Bruchteil. Vielleicht interessiert es Dich ja: Wir verdienen hier ungefähr 400.- im Monat. Das reicht gerade aus, unsere Nahrungsmittel zu bezahlen, etwas Kleidung für die Kinder zu kaufen oder mit dem Bus zu fahren. Zum Sparen reicht es nicht. Und was ist, wenn jemand krank wird?

Die Ergebnisse des ‘Fortschritts’, den uns die multinationalen Firmen gebracht haben, zeigen sich, wenn man Mensch und Natur beobachtet. Viele von uns sind krank und tragen Geschwüre in sich. Viele Männer sind durch die Anwendung von Pestiziden steril geworden und können keine Kinder mehr zeugen. Viele Frauen bringen tote Kinder auf die Welt. Einige dieser Gifte kommen sogar aus Deutschland!

In ihrer Gier nach Reichtum haben die Bananenfirmen die Gewerkschaftsfreiheit beseitigt. Trotz ihrer Gewinne verlangten sie von uns, Verzicht zu üben. Auch hat die Bananenindustrie unsere Böden verschmutzt sowie Luft und Wasser vergiftet.

Aber die Situation beginnt sich zu verändern. Dabei ist es wichtig, daß die Gemeinden und die Organisationen des Volkes teilnehmen, wenn es darum geht, unseren Weg neu zu bestimmen. Der costaricanische Bauer ist geduldig. Doch wenn seine Kinder von Krankheiten betroffen sind, die der landwirtschaftlichen Arbeit zuzuschreiben sind, reagiert er mit Mut und Entschlossenheit und manchmal mit Gewalt. Da das niemandem nutzt, möchten wir eigentlich nicht, daß es soweit kommt.

Flüsse säubern, Wälder wiederaufforsten, Tiere schützen - alles ist wichtig - aber noch wichtiger ist es, wieder einen eigenen Weg gehen zu können, das Recht auf eine eigene Entwicklung zu erlangen. Wir möchten, daß unsere Kinder ein Leben in Würde, Gesundheit und Freiheit haben können. Daher rührt unsere große Sorge.

Aus den heißen Tropen sende ich Dir zum Abschluß dieses Briefes eine freundschaftliche Umarmung.

Juan Sin Tierra


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Erstellt: 1. 10. 1999 | Letzte Änderung: 3. 6. 2000 | © BANAFAIR | Kontakt: Webmaster