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Alltagshandeln ist politisches Handeln!

Der “Faire Handel” hat sich in den letzten Jahren als ein interessantes Modell für ein nachhaltiges Konsumverhalten etabliert. Vor allem in den Ländern Nord-Europas wird er mittlerweile von relevanten gesellschaftlichen und politischen Gruppen gefördert und genießt auch unter den VerbraucherInnen eine breite Akzeptanz, zumindest soweit man diversen Umfragen glauben kann. Der Bekanntheitsgrad von Fair-Trade-Siegeln ist in einzelnen Ländern außerordentlich hoch. Er übertrifft allerdings auch die tatsächlichen Umsätze mit Fair-Trade-Produkten bei weitem. An der Frage, inwieweit die Ausweitung, sprich: Kommerzialisierung, des “Fairen Handels” auch zwangsläufig zu dessen Entpolitisierung beiträgt, scheiden sich die Geister. In diesem Spannungsgeflecht versucht BanaFair nach wie vor, seinem Arbeitsansatz der Verknüpfung von fairem Handel mit politischem Engagement treu zu bleiben und ihn gleichzeitig weiterzuentwickeln.

Während Produktion und Handel biologischer Erzeugnisse nicht nur den Regeln des internationalen Dachverbandes IFOAM, sondern auch einer rechtsverbindlichen EU-Verordnung unterliegen, existiert nach wie vor keine klare oder gar einheitliche Definition, was “Fairer Handel” eigentlich bedeutet. Zwei große Linien allerdings lassen sich skizzieren:

  • einerseits der “traditionelle” Sektor des “alternativen Handels”, eine breite Bewegung in vielen europäischen Ländern, die von idealistischem Engagement zigtausender Menschen geprägt ist. Der Verkauf läuft v.a. über Weltläden, Solidaritätsgruppen und Kirchengemeinden und ist von einer intensiven konsumentInnenorientierten Bewußtseinsbildungsarbeit begleitet; und
  • andererseits der Versuch, “Fair-Trade”-Produkte in rein kommerziellen Strukturen, d.h. vor allem in Supermärkten anzubieten, um auf diese Weise eine größere Gruppe von VerbraucherInnen zu erreichen. Hierfür steht das Konzept von Siegelorganisationen wie Transfair und Max Havelaar, die seit 1997 im Dachverband der “Fair Trade Label-Organisationen” (FLO) zusammengeschlossen sind.

Wie bei Kaffee und anderen “Kolonialwaren”, die mit Fair-Trade-Label in Supermärkten vertrieben werden, können die Siegelorganisationen auch bei Bananen auf eine jahrelange intensive Vorarbeit von Gruppen und Organisationen des Alternativen Handels aufbauen. Lange vor Max Havelaar und Transfair waren es gebana in der Schweiz, Oxfam Wereldwinkels in Belgien sowie BanaFair in Deutschland, die sich als erste an den Fairen Handel mit Bananen wagten. Während gebana in der Folge der rauhen Max Havelaar Konkurrenz ihre Bananen-Arbeit im Frühjahr 1998 allerdings vorläufig eingestellt hat, ist Oxfam Wereldwinkels, die Dachorganisation der Weltläden im flämischen Teil Belgiens, im Zuge der Max Have-laar-Einführung in Belgien nach mehrjähriger Pause wieder ins “Bananengeschäft” eingestiegen.

BanaFair, als Zwerg in der Nische des Alternativsektors, steht also nicht ganz alleine da in seinem Bemühen, den Begriff Fair Trade explizit mit einem politischen Anspruch zu verbinden. Die Umsetzung dieses Konzeptes erfolgt v.a. auf drei Feldern:

  • Bildungs-, Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit zu den Bedingungen der Produktion und Vermarktung von Bananen,
  • Finanzielle Unterstützung von Projekten und Vorhaben von Partnerorganisationen in bananenproduzierenden Ländern, die Veränderungen in sozialen, ökologischen, ökonomischen und politischen Bereichen zum Ziel haben, im Sinne einer umfassend verstandenen Nachhaltigkeit,
  • sowie Fairer Handel in Kooperation mit kleineren ProduzentInnen, um interessierten KonsumentInnen eine Produkt-Alternative anzubieten.

BanaFair vertreibt seine Produkte nahezu ausschließlich im alternativen Spektrum, d.h. an Weltläden, VerbraucherInnengemeinschaften, Naturkostläden, Kirchengemeinden usw., aber auch an interessierte Einzelhändler. Die Bananen kamen von 1986 bis 1993 aus Nicaragua, ab dem Folgejahr wurden sie von einer Gruppe privater Produzenten aus Costa Rica bezogen. Seit 1998 vermarktet BanaFair Bananen der Kleinbauernvereinigung Urocal aus Ecuador.

Daneben besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Kleinbauernverband Winfa in der Karibik sowie ein Pilot-Projekt zur Vermarktung von Bio-Bananen indianischer Kleinbauern aus dem Süden Costa Ricas. Diese neuen Beziehungen stellen auch eine Herausforderung dar, die Grenzen des alternativen “Nischenmarktes” aufzuspüren und auszudehnen.

BanaFair orientiert seinen Ansatz von alternativem Bananen-Handel an fünf Grundprinzipien, die im Laufe der mehr als zehnjährigen Arbeit entwickelt wurden:

1. Soziale und ökologische Mindeststandards in der Produktion

Kriterien sind immer Ausdruck des jeweiligen Diskussionsstandes in sozialen, ökologischen, ökonomischen und politischen Fragen, und zwar dort, wo sie entwickelt werden, d.h. im Norden. Nur im Idealfalle decken sie sich mit den Entwicklungsvorstellungen derer im Süden, die durch den Fairen Handel begünstigt werden sollen. Dennoch sind produktbezogene Kriterien notwendig, schon allein wegen der Glaubwürdigkeit und Transparenz gegenüber den KonsumentInnen.

Grundlage im sozialen Bereich sind die Kernkonventionen der ILO (Recht auf Organisationsfreiheit und Tarifverhandlungen, Verbot von Kinderzwangsarbeit, gleiche und gerechte Entlohnung männlicher und weiblicher Beschäftigter, Arbeitsschutzbestimmungen, soziale Absicherung usw.). Zu berücksichtigen sind dabei die spezifischen Gegebenheiten kleinbäuerlicher (Familien-)Betriebe im Unterschied zur Plantagenproduktion.

Welchem Veränderungsprozeß die Ansprüche an Kriterien unterliegen, zeigt sich an der konkreten Praxis von BanaFair: Zu Beginn, 1986, beim Vertrieb alternativ gehandelter Bananen aus Nicaragua, spielten ökologische Kriterien so gut wie keine Rolle. Es ging damals um ganz andere Schwerpunkte: den ökonomischen Überlebenskampf des Landes, Beschäftigungssicherheit für die Arbeiter und Arbeiterinnen, Absicherung ihrer Mitbestimmung, Diversifizierungsmöglichkeiten und Grundnahrungsmittelsicherheit. Heute ist eine fair oder alternativ gehandelte Banane undenkbar, die nicht auch eine ökologische Komponente in sich trägt. Da eine kontrollierte Bio-Produktion im Bananen-Sektor nur im Einzelfall möglich sein wird, muß also zumindest eine drastische Reduzierung des Pestizid-Einsatzes angestrebt werden, besonders im Interesse der Gesundheit der ArbeiterInnen.

Und: es ist ein Prinzip des alternativen Handels, daß Kriterien nicht nur für die Produzenten definiert werden, sondern die ganze Handels-Kette ethischen Ansprüchen unterworfen wird. Forderungen nach demokratischer Organisation, Mitbestimmung, Orientierung am Gemeinwohl, keine Privatisierung von Gewinnen, usw. gelten auch für die alternativen Handelsunternehmen.

2. Konzern-unabhängige Produktion und Vermarktung

Eduardo Galeano spricht von der “Bananisierung Zentralamerikas” und meint damit die Degradierung einer ganzen Region zu den sprichwörtlichen “Bananen-Republiken”: die totale Durchdringung ökonomischer und politischer Strukturen von den Interessen der transnationalen Konzerne. “Vertikale Integration” und “Kosten-Externalisierung” sind die Zauberworte des Erfolgsrezeptes weniger Multis, die Produktion und Vermarktung weitgehend monopolisiert haben. Nur ein Bruchteil dessen, was Bananen bei uns im Handel kosten, fließt in die Produzentenländer zurück, die stattdessen mit den Negativauswirkungen dieser Industrie zu kämpfen haben. Den Profiteuren in diesem Geschäft, den transnationalen Bananenkonzernen, ist mit der Fair-Trade-Philosophie nicht beizukommen. Hier sind andere Instrumente gefragt: die Unterstützung des Kampfes der Gewerkschaften um die Respektierung ihrer Rechte, wie sie etwa in den Kern-Konventionen der ILO niedergelegt sind, die Etablierung anderer handelspolitischer Steuerungsinstrumente etwa in Form freiwilliger Selbstverpflichtungen (Codes of conduct) oder international verbindlicher Sozial- und Umweltklauseln.

Fairer Handel ist deshalb ein Angebot an kleinere und mittlere nationale ProduzentInnen, die sozial und ökologisch verträglich produzieren und sich gegen die Übermacht der Multis behaupten wollen. Fair Trade mit Bananen-Multis ist nicht vorstellbar. Das ist sicher eine ideologische Position, aber deswegen nicht falsch.

3. Produktionskostendeckender stabiler Mindestpreis und langfristige Zusammenarbeit

Für die ProduzentInnen ist dies sicher einer der entscheidendsten, für eine Alternativhandelsorganisation allerdings einer der schwierigsten Punkte: was ist ein gerechter Preis? Die offiziell festgesetzten Exportpreise einiger Länder geben nur einen ungefähren Anhaltspunkt. Sie spiegeln am Ende auch nur die herrschenden Produktionsbedingungen wider, deren negative Begleiterscheinungen hinreichend bekannt sind.

Ein fairer Preis dagegen muß von unten her gebildet werden: er muß die tatsächlichen Produktionskosten abdecken, eine angemessene Entlohnung und soziale Absicherung der Beschäftigten garantieren, eine Ökologisierung der Produktion ermöglichen und Raum für weitere Gemeinschaftsaufgaben bieten (Organisierung, Qualifizierungsmaßnahmen, etc.).

Und: der bessere Preis für “kriterien-feste” ProduzentInnen muß sich im Endverkaufspreis niederschlagen. Für “ethischen Mehrwert” muß der/die Konsument/in mehr bezahlen. Fair Trade gibt es nicht zum Null-Tarif, für keinen der am Handel Beteiligten.

4. Mehrpreis zur Finanzierung von Projekten

Ob alternativ im Weltladen oder mit Siegel im Supermarkt: der “faire Handel” hat seine Grenzen. Neben den Begrenztheiten des Marktes, die den Zutritt zum “fairen Handel” auf ProduzentInnenseite limitieren, entspricht es oftmals eher Zufälligkeiten als einer objektiv nachvollziehbaren Gleichbe- handlungsstrategie, welche ProduzentInnengruppen in den Genuß der fairen Handelsvorteile kommen. Hinzu kommen die Besonderheiten vom Produkt her.

Die Bananenproblematik ist daher stärker als strukturelles Problem zu begreifen, das nur durch das Zusammenwirken vielfältiger Initiativen gelöst werden kann. Ziel des alternativen Bananenhandels ist deshalb auch nicht eine ausschließliche Begünstigung weniger ausgewählter ProduzentInnen, sondern letztlich eine langfristig tragfähige, strukturelle Veränderung in der Bananenindustrie, zu deren Realisierung viele Akteure und Akteurinnen beitragen müssen. Folgerichtig wird der Mehrpreis von BanaFair bereitgestellt für Projekte von Organisationen im Umfeld der jeweiligen Produktion: für die Arbeit von sozialen Initiativen, Umweltgruppen, Frauenorganisationen, kirchlichen Gruppen, KleinproduzentInnen und v.a. zur Unterstützung der Gewerkschaften.

5. Handelsbegleitende Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit

BanaFair arbeitet exemplarisch. Der alternative Handel ist eingebettet in eine entwicklungspolitisch qualifizierte Informationsarbeit, die das Bewußtsein für die Bedingungen in der Produktion und Vermarktung von Bananen schärfen soll. Die Hauptaufgabe liegt darin, bei den KonsumentInnen Interesse für die Fragen zu wecken, die sie sich normalerweise nicht stellen. Hauptsache, die Bananen sind schön gelb, krumm und billig.

Es geht auch darum, herkömmliche Konsummuster zu hinterfragen und den Qualitätsbegriff zu verschieben: von der Erwartung einer äußerlich makellosen, kosmetischen Banane hin zu einer Frucht, der man u.U. ihre “inneren Werte”, eine ökologische und sozial verträgliche Produktion, von außen ansieht. Eine problemorientierte Öffentlichkeitsarbeit spricht naturgemäß weniger Menschen an als ein am reinen Verkaufserfolg orientiertes Marketing. Sie ist dennoch - oder gerade deswegen - notwendiger denn je.

Die Verbindung von alternativem Handel mit bewußtseinsbildender Begleitarbeit in der Öffentlichkeit und entwicklungspolitischer Projektarbeit vor Ort steht somit als Konzept genuin hinter BanaFair. Als Bündnis von kritischen KonsumentInnen mit Organisationen der BananenarbeiterInnen und kleineren ProduzentInnen stellt der faire/alternative Bananenhandel eine Chance für die Durchsetzung einer sozial- und umweltverträglichen Produktion dar.

Alltagshandeln wie den Kauf und Konsum von Bananen als politisches Handeln zu begreifen, gelingt allerdings nur, wenn auch die Widersprüche nicht ausgeblendet werden. Die bloße Reduktion des “Fairen Handels” auf den Slogan “beim Frühstück ein bißchen die Welt verändern” wird der komplexen Thematik kaum gerecht. Denn daß die Banane, die “Frucht des Paradieses” (musa paradisiaca) in Wirklichkeit nicht von dort kommt, ist eine sehr profane, aber notwendige Erkenntnis.

Rudi Pfeifer, Herbst 98

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Erstellt: 1. 10. 1999 | Letzte Änderung: 3. 6. 2000 | © BANAFAIR | Kontakt: Webmaster